• 25 JUN 19
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    SADHANA – oder meine persönliche Morgenpraxis

    SADHANA – oder meine persönliche Morgenpraxis


    Hätte mir jemand in meinen 20ern gesagt, ich würde eines Tages regelmäßig um 5 Uhr 10 – in Worten: UM ZEHN NACH FÜNF MORGENS! – aufstehen, ich hätte nur schallend gelacht.  Oder mitleidig den Kopf geschüttelt ob dieser wahnwitzigen Aussage.

    Ehrlich gesagt war ich auch in meinen frühen 30ern noch alles andere als ein Morgenmensch, wenn auch nie eine Morgenmuffel.

    Am leistungsfähigsten war ich schon immer morgens und vormittags, egal ob ich auf die Matura lernte, die Diplomprüfung oder später im Berufsalltag. Aber im Dunkeln aufstehen? Freiwillig?? Poah, naja…

    Irgendwann Mitte 30 vollzog sich ganz unaufgeregt und wie von selbst der Wandel zum Morgenmensch. Zum Teil auch durch meine Freiberuflichkeit seit 2008. Denn ich bin gerne gut vorbereitet, und die Praxis soll bitte auch schön sauber sein, bevor ich um acht Uhr mit dem ersten Patienten starte.

    Da steht‘s. Um ACHT Uhr. Warum dann um Gottes Willen um zehn nach fünf aus den Federn?

    Seit ich mich mit Yoga beschäftige, und das sind jetzt schon ein paar Jahre, kommt immer wieder mal das Thema Meditation auf. Wie ein Bumerang. Je vehementer ich ihn von mir „werfe“, desto heftiger kommt er zurück. Mehr davon auch in meinem vorherigen  Beitrag – Schweigeseminar mit Ebi Bärr.

    Das Thema an sich ist schon faszinierend. Ruhig und gelassen werden. Gechillt sein, auf Neudeutsch. Meditieren ist irgendwie hipp geworden. Und irgendwie macht‘s anscheinend jeder – Yogis sowieso, aber auch Schauspieler, Politiker, Sportler, mein Kollege (ok, der fällt unter Yogi), die Nachbarin. Nur ich schaffe es nicht. Das gibt‘s doch nicht. Der erste kleine Durchbruch war im Schweigeseminar Anfang des Jahres, aber mit dem regelmäßig alleine meditieren – Fehlanzeige.

    Und dann kam er, der große Durchbruch, ganz schlicht und unprätentiös, in Form von Gerhard. Mein Kollege in der Anusara Immersion (Yoga Vertiefungswoche). Bayrischer Naturbursch mit der Statur eines Russischen Boxers, großes Herz am rechten Fleck, Hohes Tier bei der Polizei.

    Und der erzählt im Kurs von seiner Sadhana, seiner Morgenpraxis:

    • Steht jeden Tag früh auf – mach ich auch.
    • Duscht kalt – mache ich auch.
    • Trinkt heißes Wasser mit Zitrone – mach ich auch.
    • Macht seine Übungen – ok, mach ich nicht immer.
    • Meditiert – mach ich gar nicht.

    Egal wie spät es am Vortag geworden ist, der Gerhard zieht das durch.

    Hm, finde den Fehler. Genau. Er macht das einfach. Punkt.

    Na wenn der das kann, kann ich das auch. Gesagt getan. Seither stehe ich jeden (Werk-)Tag um zehn nach fünf auf.

    Ich putze mir die Zähne, trinke mein Wasser mit Zitrone, mache 10 Minuten Körperarbeit (Yoga, Tai-Chi, Faszienrolle, Garten Gießen). Dann setzte ich mich 15 Minuten hin. Ich beginne mit ein paar Runden Nadi Shodanan (Wechselatmung) und dann tue ich nichts.

    Wie jetzt? Genau. NICHTS. Ich sitze einfach nur da und tue nichts. Ich erlaube mir alle Gedanken, die da kommen, lasse sie so gut es mir eben möglich ist wieder ziehen, ohne mich in einem Gedankenstrudel zu verlieren. Das nennt man Meditation.

    Wenn dann nach 15 Minuten mein Timer piept ist nichts Großartiges passiert. Keine Geistesblitze, kein Feuerwerk, keine extrakorporalen Erfahrungen und schon gar keine Erleuchtung. ABER wenn ich danach hinaufgehe in den ersten Stock, meinen Mann wecke und ins Bad verschwinde bin ich gut drauf. Ich fühl mich einfach gut. Nicht himmelhoch jauchzend, nicht “ich könnte die ganze Welt umarmen”. Einfach nur gut. Und das genügt mir.

    WAS IST PASSIERT?

    Nun, zum einen war die Zeit wohl einfach reif. Gut Ding braucht Weile und in meinem Fall halt besonders lang (und besonders viele Anläufe).

    Ich habe mir ein realistisches Programm vorgenommen. Früher dachte ich immer, ich muss MINDESTENS 30 Minuten Übungen machen und MINDESTENS 30 Minuten meditieren.

    Ich habe keine besonderen Erwartungen. Ich werde nicht schlauer, schöner, dünner oder was auch immer. Es heißt ja nicht umsonst Praxis (von praktizieren, also ausführen) oder Routine (regelmäßig wiederkehrend). Soll heißen, ich zieh das einfach durch. Wie Zähne putzen.

    Den richtigen Zeitpunkt wählen.

    Ha! Und da schließt sich der Kreis. Der frühe Morgen ist wirklich die einzige Zeit, in der ich vollkommen ungestört bin. Mein Mann schläft, meine Hunde schlafen, meine Patienten schlafen (die meisten halt).

    Zu jeder anderen Tageszeit sind die Ablenkungen einfach zu groß – oder ich zu schwach. Wie auch immer. Also, Wecker eine halbe Stunde früher stellen.

    Psychologisch – also um den inneren Schweinehund zu überwinden – war für mich wichtig:

    • Dass es NACH fünf Uhr ist.

    • Dass ich frei bin in der Wahl meiner Körperarbeit.

    • Dass ich mit Atemübungen in die Meditation einsteige.

    Und der innere Schweinehund? Manchmal, ja manchmal gewinnt er und ich bleibe liegen bis 5:45 Uhr. Und dann fehlt es mir ganz deutlich. Das gute Gefühl. Am nächsten Morgen stehe ich wieder auf, egal wie schwer es mir fällt. Mal mehr, mal weniger. Aber unter uns: ich mag auch nicht jeden Abend Zähne putzen und tu es trotzdem.

    Wegen des Guten Gefühls 😉

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