• 03 JUL 20
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    Was mein Körper mir sagen will

    Was mein Körper mir sagen will

    …weil es mein Kopf nicht kapiert.

    Ich bin der Überzeugung, dass nichts ohne Grund passiert. Schicksal, Karma, Gottes Wille – das sind alles große Worte mit viel Vor-Belastung. Lassen wir das mal hinter uns. Ich sehe das so, dass alles, was wir tun, eine Konsequenz nach sich zieht. Alles, was wir nicht tun natürlich auch.

    Was hat das jetzt mit meinem Körper zu tun? 

    Viel.

    Alles.

    Wir als Gattung Homo sapiens bilden uns ja wahnsinnig viel ein auf unseren ach so klugen Kopf. Stimmt ja auch, in gewissen Bereichen. Tatsache ist aber, dass wir in unseren vernetzten, globalen Welt immer mehr im draußen sind und so gut wie nie bei uns selbst. Wir stehen in Kontakt über E-Mail, Newsletter, Facebook, Instagram, Twitter, SMS, WhatsApp und weiß der Teufel was noch, aber mit uns selbst? Leitung tot.

    Unser Kopf kann nun mal nicht alleine leben. Noch nicht. Vielleicht in einer erschreckend nahen Zukunft steckt unser Kopf auf einer Dauer-Ladestation und wir machen alles mit der Kraft unserer Gedanken. Brrrrrr. Schauder.

    Noch sind wir aber die Körper-Geist-Seele-Einheit genannt Mensch. Dieses Lebewesen hat Bedürfnisse und will artgerecht gehalten werden. Ist das nicht möglich, wird er krank, der Mensch. Jeder, der ein Haustier hat, kennt das. Wer selbst keines hat, kennt sicher jemanden, der eines hat. Also keine Ausrede.

    Allgemeine Belehrung, Ende.

    Um das Ganze wieder persönlicher zu machen, wechsle ich zurück in die Ich-Form. 

    Ich durfte eine Woche zu Hause bleiben. Auszeit. Nicht ganz freiwillig, jedenfalls nicht zu Beginn.

    Ein akutes Bandscheiben-Problem hat mich außer Gefecht gesetzt. Die Vorzeichen waren da. Laut und deutlich. Habe sie alle ignoriert. Nicht willentlich, nicht mit Absicht. Ich war einfach zu beschäftigt. 

    Jetzt muss ich kurz ausholen, damit die Geschichte Sinn macht. 

    Während der Corona Krise war ich sieben Wochen zu Hause, Praxis zu. Ich habe das sehr genossen. Die Ruhe, in Entschleunigung, keine Termine, keine Uhr, keine Verpflichtungen. Ich kann mich gut alleine beschäftigen, habe viele Interessen, mir ist selten langweilig. In diesen Wochen habe ich meinen mir eigenen Lebensrhythmus etabliert. Ohne Vorgaben von außen, einfach aus mir heraus. So weit so gut.

    Anfang Mai, back to business. Ich habe mich gefreut, ich arbeite gerne. Und der zwischenmenschliche Kontakt hat mir gefehlt. Und wirtschaftlich wars natürlich auch höchste Zeit, wieder was zu tun. Also in die Hände gespuckt und frisch ans Werk, weil ausgeruht sind wir ja (rhetorischer Plural majestatis). 

    Und Schwups, zurück im selbst auferlegten Hamsterrad. Nicht sofort, aber ziemlich schnell. Und eh ich mich versah, war alles wie vorher. Was super ist, weil Praxis ausgelastet, heißt Konto auch bald ausgeglichen. Alles im grünen Bereich. 

    STOP.

    Alles im grünen Bereich?? Warum hatte ich dann das Gefühl, dass alles so wahnsinnig schnell geht? Dass das Tempo so hoch ist? Die Zeit immer drängt? Alles so anstrengend ist? Und ich hörte mich das auch immer wieder sagen, im Gespräch mit Patienten, Freunden, der Verkäuferin in der Bäckerei. Hm. 

    Und sonst?

    Sonst musste ich auch ganz schön viel tun.

    „Ich muss wieder um 5 Uhr mit meiner Morgenpraxis anfangen.“

    „Ich muss wieder regelmäßiger trainieren.“

    „Ich muss mehr Ausdauer trainieren.“

    „Ich muss nach Berlin auf Kurs fahren.“

    „Ich muss das Gelernte wiederholen und anwenden.“

    „Ich muss meine Stunden besser vorbereiten.“

    „Ich muss meinen online Kurs endlich weitermachen.“

    “Ich muss, ich muss, ich muss…”

    „ICH MUSS ENDLICH WIEDER AUF SPUR KOMMEN.“

    Klingelt es? Ja danke.

    Unter großem Druck mögen ja Diamanten entstehen, aber der Mensch besteht halt aus mehr als nur Kohlenstoff. 

    Um endlich auf den Punkt zu kommen: Ich hatte mir selbst viel zu viel Druck auferlegt. Ich hatte es nicht geschafft, etwas Leichtigkeit und Freude der Corona-Zeit mit in meinen Alltag zu nehmen. Diese Auszeit war wie ein Geschenk, das irgendwann zu Ende geht und dann ist alles wieder wie vorher. 

    FALSCH.

    Das war die Chance zu lernen. Zu lernen was mir guttut, was mein natürlicher Rhythmus ist, was ich brauche und was nicht. Lernkurve eher flach.

    Und was macht mein kluger Körper?

    Er räuspert sich. Zuerst dezent, höflich zurückhaltend. Dann etwas nachdrücklicher (hallo Wortspiel!). Frau will immer noch nicht hören.

    Also gut, erster Warnschuss.

    Beim Socken anziehen ist es mir das erste Mal eingeschossen. Hallo!! Gehts noch!! Mir als Physio und Yogalehrerin beim Socken anziehen!! Sicher nicht.

    Ok, wer nicht hören will, wird fühlen (wie elegant habe ich das „muss“ ersetzt!). Voller Beschuss.

    Am nächsten Morgen muss ich heftig niesen. Hier ist das „muss“ wirklich obligatorisch. Also ich niese so laut, dass es mein Mann (bei offen stehender Tür) bis auf die Straße hört. Und mit der gleichen Wucht schießt es mir so was von in den Rücken, dass mir die Luft wegbleibt, meine Knie nachgeben und ich Sterne sehe. Treffer. Schiff sinkt und bleibt liegen, nichts mehr Volldampf voraus.

    In den kommenden Tagen sage ich sukzessive meine Termine ab. Frau hofft immer noch auf Spontanremission. Das ist angeberisch für „Spontanheilung“. Aber daraus wird nichts.

    Beim ersten Spaziergang wird mir klar, welche Lektion zu lernen ist.

    Ich sträube mich noch ein bisschen, aber mein Körper bleibt hart und unnachgiebig (wieder so ein geniales Wortspiel). Er, also mein Körper, besteht darauf, dass ich mit jeder Faser spüre, worum es geht und die Lektion zu hundert Prozent verinnerliche. Ich kann mich winden, wie ich will, also im Geiste, weil mein Körper lässt kaum eine Bewegung zu. 

    Innehalten. Ruhig werden. Geschehen lassen. Vertrauen.

    Ok. Ich ergebe mich. Und mein Körper lässt los. Langsam. Denn Frau ist nicht zu trauen. Er fordert Beweise. Na gut, da hast du sie. 

    • Ich habe wieder eine Gesangstunde vereinbart.

    Das hat mir vor Corona viel Freude gemacht. Während Corona war das natürlich nicht möglich, danach hatte ich einfach keine Zeit. Zuviel zu tun. 

    • Ich schreibe diese Zeilen hier.

    Schreiben hat mir immer viel Freude bereitet, schon zu Schulzeiten. Danach hatte ich einfach nie genug Zeit. Zuviel zu tun.

    • Ich nehme mir frei für den Besuch meiner Schwester.

    Wir sehen uns so selten und ich genieße die Zeit mit ihr und meinem Neffen. Obwohl ich danach gleich auf Kurs fahre und somit noch länger nicht in der Praxis bin. Und so viel zu tun.

    Ok. Wir haben einen Deal.

    Ich bin dankbar, zutiefst dankbar für diesen klugen Körper. Die meiste Zeit über lässt er mich in dem Glauben, ich hätte das Heft in der Hand. Er erduldet all meine Experimente, steht mir treu zur Seite und gibt mir regelmäßig Rückmeldung. Und er verzeiht, immer wieder. 

    Wir sind ein gutes Team, wenn ich zwischendurch mal die Klappe halte. Und so soll es in meinen Augen sein. Ein Team. Körper – Geist – Seele, eine Einheit. Dream-Team.

    Epilog” oder “Medizinischer Exkurs” oder “Was hattest du denn nun?”

    Dem Ganzen zugrunde lag ein „neues Training“. In 30 Tagen zum Handstand. 

    Ungewohnte Übungen, wider besseren Wissens zu schnell durchgeführt, Grenzen nicht respektiert. Meine muskuläre Spannung war unausgeglichen, zum Teil überlastet durch die ungewohnten Übungen. 

    Beim Socken anziehen habe ich mich klassisch verrissen. Das war ein typisch muskulärer Schmerz, ausgelöst durch eine unachtsame, unkoordinierte, ruckartige Bewegung. Statt Ruhe zu geben oder nur sanft zu bewegen, habe ich am gleichen Tag noch trainiert. Doof. 

    Das heftige Niesen führte zu einem enormen Druckanstieg im Bauchraum, vergleichbar einer Explosion, der zu einem Riss in der Bandscheibe führen kann. In meinem Fall war das ziemlich sicher so. Der Schmerz war sehr scharf und heftig, nicht zu vergleichen mit dem Vortag. Reflexartig spannt die gesamte Rückenmuskulatur an, eine Schutzspannung, die verhindern soll, dass man sich bewegt und der Riss dadurch noch größer wird. Die körpereigene Handbremse sozusagen. 

    Ich hatte keine ausstrahlenden Schmerzen ins Bein, weder Taubheit noch Kraftverlust im Bein,  daher sprach nichts für einen klassischen Bandscheibenvorfall mit Nervenwurzelbedrängung.

    Druckerhöhung im Bauch, wie beim Niesen, Husten oder pressen, verstärkte die Schmerzen im Rücken, was für Bandscheibe spricht, ebenso wie der großflächige, nicht scharf begrenzte Schmerz im gesamten unteren Rücken.

    Achtung! Es gilt zu unterscheiden zwischen Bandscheibenvorfall und discogenem, also Bandscheibenschmerz.

    Bei Ersterem tritt Material aus der Bandscheibe aus und drückt auf die Nervenwurzel, was zu einem ausstrahlenden Schmerz im Bein führt, hier aber klar begrenzt im Verlauf des Nervs. Außerdem entwickelt man ein neurologisches Defizit, also Sensibilitätsstörung, Kraft- und Reflexverlust.

    Bei zweiterem tut die Bandscheibe selbst weh. Diese ist nämlich, was viele nicht wissen, mit Nerven versorgt und kann daher wehtun. Wie zum Beispiel der Knochen, der ja auch mit Nerven versorgt ist, weh tut, wenn man sich das Schienbein stößt. Discogener Schmerz kreuzt die Mittellinie und überspringt bis zu 4 Segmente. Zu Deutsch: Der Schmerz kann links und rechts der Wirbelsäule sein und bis zu 4 Wirbel überspringen (angenommen die letzte Bandscheibe L5/S1 ist betroffen, dann kann der Schmerz bis zum Übergang Brustwirbelsäule reichen). 

    Bei mir war es in meiner Meinung nach eindeutig muskulär-discogen, also Muskelverspannung wegen/und Bandscheibenproblem. Liegen, stehen und schwimmen tat gut, sitzen und gehen schlecht. 

    Regel # 1 bei Bandscheibenthema (egal ob ersteres oder zweiteres):

    Nur tun, was gut tut, alles andere lassen. Egal was die Literatur sagt, Dr. Google oder die Nachbarin. Punkt.

    Regel # 2:

    Findet man schmerzfreie Positionen oder Bewegungen spricht das für ein mechanisches Problem, keine Entzündung (diese ist vor allem durch Ruhe- und Nachtschmerz gekennzeichnet). 

    In meinem Fall war das so, nachts konnte ich schlafen. Daher habe ich auch keine Schmerzmittel genommen. In meinem Fall wäre das sogar kontraproduktiv gewesen. Warum? 

    Der Schmerz ist ein Zeichen des Körpers, der sagt: „Achtung, drohender Schaden!“ Soll heißen: Wenn Du so weiter machst, dann geht etwas ernstlich kaputt. Also lass das lieber. Hätte ich meinen Schmerz betäubt, hätte ich ohne Zweifel viel zu schnell viel zu viel getan und wäre Gefahr gelaufen, meine Bandscheibe ernsthaft zu verletzen, bis hin zum Bandscheibenvorfall. 

    Nachts regeneriert und repariert der Körper alles, was so anfällt. Wundheilung findet also vor allem während des Schlafes statt. Das macht Sinn, denn da werden alle anderen Systeme auf standby gefahren und der Körper hat freie Kapazitäten für Reparatur und Reinigung.

    Was, wenn man nachts wegen der Schmerzen nicht schlafen kann? Ich nehme da was, idealerweise eine Stunde vor dem zu Bett gehen, damit das Zeug dann auch wirkt. Aus oben beschriebenen Grund.

    Regel # 3:

    Geduld.

    Ahhhhhhhhhrrrrr. Ich weiß.

    Wundheilung durchläuft Phasen, die sind bei allen gleich und dauern auch gleich lang. Und nein, man kann sie nicht beschleunigen. Unterstützen ja, boykottieren definitiv.

    Alarmphase, Entzündungsphase, Proliferations- und Reorganisationsphase, kurz zusammengefasst. Dürft ihr gerne googeln. Nur so viel, die erste Zeit ist die wichtigste. Was man da verkackt, büßt man doppelt. 

    Regel # 4:

    Abklären lassen, idealerweise vom Facharzt.

    Wenn beim Auto was ist, fährt man ja auch in die Werkstatt und nicht zum Bauhaus. 

    In meinem Fall war ich mir ziemlich sicher, was es ist. Aber sicher ist sicher, vier Augen sehen mehr als zwei. Ich wäre nicht die erste Betriebsblinde.

    Mein Wirbelsäulenspezialist hat meine Eigen-Diagnose bestätigt. Und ein MRT empfohlen. Wozu das jetzt? Wie gesagt vermuten wir einen Riss. Vermuten heißt nicht wissen. Ein MRT zeigt, ob die Bandscheibe intakt oder tatsächlich geschädigt ist. Das ist wichtig für die Zukunft. Bei einer möglichen nächsten Attacke entscheidet das über die Vorgehensweise: Ist die Bandscheibe ok, kann man schon mal über den Schmerz gehen. Ist sie allerdings vorgeschädigt, dann DEFINITIV NICHT.

    Regel # 5:

    Eigenverantwortung.

    Lerne Deine Lektion. Es ist Dein Körper, Deine Geschichte. Niemand kann Dir das abnehmen, niemand kann das für Dich regeln. Du alleine entscheidest, wie Du das handhabst. Nicht Dein Arzt, nicht Dein Therapeut, nicht Dein Partner, nicht die Umstände. DU.

    Mir hilft da immer folgende Fragestellung (von Rüdiger Dahlke):

    „Woran hindert mich das Symptom und wozu führt mich das Symptom.“

    Spannend.

    Überraschend.

    Hilfreich.

    Viel Spaß beim Herausfinden!

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